Berlin, 03.04.2022 – es ist windig und mir ist kalt.

Um mich herum tausende motivierte Menschen, die wie ich im letzten Startblock für den 41. Berliner Halbmarathon starten werden. Ein bunter Cocktail aus Gefühlen macht sich in mir breit. Bist du gut genug vorbereitet? Wirst du es schaffen? Wie schnell wirst du sein? Vielleicht wird es auch einfacher, dank der vielen lautstarken Menschen am Streckenrand? Was wäre wenn? Was wäre wenn … nicht?

Die Ruhe vor dem Sturm – und dann höre ich bereits den Countdown – „nur noch 60 Sekunden“. Ein zurück gibt es so oder so nicht mehr. Dafür bin ich auch nicht hier. Ich entschließe mich dazu alle negativen Gedanken radikal zu löschen und den Lauf zu genießen.

Nicht ans Ziel, sondern an den Weg zu denken.

Zum Glück war ich nicht allein.

3…. 2….. 1…. START & STOP & START & STOP & START & STOP

Dank des engen Durchgangs der Startlinie kommt es immer wieder zu kleinen Staus und dem klassischen Berliner Stop and Go. Aber dann – endlich – überschreite auch ich die Startlinie und alle Gedanken verpuffen. Die Reise beginnt.

Eigentlich begann die Reise ja schon viel früher. Denn wenn wir ehrlich sind, ist der Wettkampf-Lauf ja nur die Spitze des Berges an Trainingsläufen, Kraft- und Technikeinheiten die man durchlebt.

Aber alles beginnt mit der Zielsetzung: Mein Ziel war das ZIEL – Zeit egal.

Aber nicht ganz ohne eine persönliche Challenge: Meine bestand nicht in der Distanz, sondern darin den kompletten Lauf in meinen Five-Fingern zu vollbringen. Das sind die Barfuß-ähnlichsten Schuhe die man sich vorstellen kann. Hier befindet sich unter meinen Füßen lediglich ein schnittfester dünner Streifen Gummi und jede Zehe wird einzeln in ein Kämmerchen geführt, um die maximale Beweglichkeit des Fußes zu erhalten.

Ich habe mich in die Natürlichkeit der Bewegung verliebt

Jede Barfuß Laufende Person (auch du) würde auf den Vorderfüßen rennen, schlichtweg weil ein Fersenschlag nicht angenehm ist. Warum sollte ich also in Schuhen anders rennen?

Die Antwort darauf ist das Problem: Weil ich nicht merke, dass es mir schadet und länger / schneller / weiter Laufen kann. Performance über Gesundheit. Ich jedoch möchte mich erst gut, dann schnell bewegen.

Meine ersten Läufe im Five Finger waren die Hölle. Nach nicht einmal zwei Kilometern haben meine Waden so sehr blockiert, dass ich abbrechen musste. Aber nur beim ersten Mal! Fortan merkte ich so unglaubliche Sprünge nach vorne, wie ich sie mit einem konventionell medial beworbenem Schuh (Dicke Sohle, Polsterung, Technologie – Bullshit) nie hatte. Möchte ich einen Schuh, der mir vorschreibt, wie ich zu laufen habe? Oder möchte ich einen Schuh, der mir ermöglicht so zu Laufen, wie ich als Mensch gebaut wurde?

Es ist schön Berlin auch mal aus dieser Perspektive zu sehen

… denke ich mir immer wieder während des Laufs.

Viele kleine Details, die man als genervter Autofahrer nicht im Ansatz wahrnimmt. Die Stadt wirkt ruhig und auch wieder nicht. Die vielen Menschen, die sich daran erfreuen jede Personen, die sie nicht mal kennen, anzufeuern und ihnen dadurch Kraft zu geben. Das ist einfach unbeschreiblich schön.

Es beflügelt ungemein und lässt keinen Gedanken an die bevorstehende Strecke zu, sondern hält dich in genau dem Moment. Von der Big-Band, die am Straßenrand Bryan Adams Songs spielt bis hin zur einsamen älteren Dame, die auf ihren Kochtopf klopft. Jede Person wirkt wunder.

Wir nähern uns Kilometer 15 und es wird langsam herausfordernd. Eine Kraft zieht mich leicht nach unten, die Beine werden schwerer und der kalte Wind bläst um meine Ohren. Es wäre wohl keine Challenge ohne solche Momente. Momente der Ruhe, wo das Einzige was du hörst die Schritte der Menschen um dich herum sind. Es erinnert daran, dass man nicht allein ist.

Und zu fühlen man ist nicht allein gibt mir Kraft und lässt mich weiterlaufen.

mit 100% ins Ziel

Kilometer 18 – Mein Begleiter möchte für den Moment gehen, um sich zu erholen. Ich entschließe mich kurzerhand auszuprobieren, was ich in den letzten Kilometern wohl noch zu leisten im Stande bin und gebe Gas.

Eine wirklich gute Mischung aus Technik und Euphorie trägt mich bis ins Ziel. Es ist geschafft und ich bin es auch. Obwohl sich mir direkt ein Gedanke stellt: Wenn du jetzt noch so Powern kannst, vielleicht schaffst du es beim nächsten Mal noch schneller?

Für meinen ersten Halbmarathon jedoch bin ich Kaputt aber glücklich.

Zeit egal.

Ein Pflanzenfresser der in Barfußschuhen den Halbmarathon läuft.

Ein Bisschen Hippie…

Ich sage nicht, dass dies der einzig wahre Weg ist. Aber es ist Mein einzig wahrer Weg. Finde Deinen und lass dich nicht von der Skepsis der Anderen von deinem Ziel abbringen. Für mich war jede Skepsis – jeder „was-bist-du-denn-für-einer“-Blick ein Funke mehr im Feuer der Motivation.

Das war mein erster Halbmarathon. Ich habe nun meine time-to-beat. Aus diesem Grund kann ich mir sehr wohl vorstellen, es nächstes Jahr nochmals zu tun.

Coach Mike